Im Schanfigg (3): Pagig, Solsana

[Rainer] Solsana, unsere nächste Station. Kaum aus dem Clasaurer Tunnel heraus, sehen wir Pagig links oben am Berg. Das unterste Haus ist unser ehemaliges Feriendomizil. Solsana, so hatte Hedi Bollinger ihr Haus genannt. Gesund durch Sonne? Nicht ganz abwegig. Sie hatte ein uraltes Bauernhaus gekauft und es stilgerecht ausgebaut. Im Winter pflegte sie alte Herren in Chur, und im Sommer war Solsana ihr Ferienheim für Kinder, das auch zwei Ferienwohnungen für Familien bot.

das ist wie heimkommen…

Unsere Eltern waren über eine Kleinanzeige darauf gekommen und hatten den ersten Urlaub dort blind gebucht. Da war ich gerade mal 4 Jahre alt, Conni schon ein Teenie. Aus einem erst mal abwartend distanzierten Verhältnis – die Hedi war schon irgendwie „anders“ – wurde im Lauf der Jahre eine ziemlich enge Freundschaft. Irgendwann hatten wir unseren eigenen Schlüssel zum Haus und das Angebot: „Kommt, wann immer ihr wollt!“.

[Conni] Und wir kamen. Zu allen Jahreszeiten. Hedi war spendabel: Als ich mit meinem Freund bei ihr Urlaub machte, nahm sie nur einen Bruchteil des Mietpreises von uns “armen Studenten”, schenkte uns sogar zur Verlobung und Hochzeit (1977) einen Aufenthalt in Solsana – “solange ihr bleiben wollt!” Wir blieben, solange wir konnten (Ausbildung, Studium und später Beruf durften ja nicht vernachlässigt werden ;-)). Wir genossen die Zweisamkeit oder Gemeinschaft mit unseren Freunden, die unbeschreiblich schöne Natur, das Wandern und Skifahren, winterliche Spaziergänge, unser Leben… Meinen letzten Urlaub verbrachte ich bei Hedi im Februar 1980. Solsana war also 13 Jahre lang meine Wahlheimat. Und heute übt dieser Ort erneut einen großen Zauber auf mich aus…

[Rainer] In meiner Erinnerung ist der Weg dort hinauf sehr steil sehr beschwerlich. Wenn ich jetzt so links hoch schaue, hat sich zumindest das nicht geändert. Da die Straße noch immer nicht geteert ist, nehmen wir lieber den Weg außen herum und fahren von oben zum Haus. Schließlich sind wir mit einem Goldbären unterwegs, nicht mit einer GS. Fotos von diesem Weg verbieten sich, da die gefühlte Steilheit von damals überhaupt nicht in Bildern auszudrücken ist 🙂

[Conni] Oja! Bis an unser Ferienhaus heran konnten wir nie fahren. Geparkt wurde damals vor Hedi´s Garage, unten an der Straße nach Arosa. Mit Rucksack und Gepäckstücken in den Händen mussten wir erstmal ca. 60 m die Straße entlang bis zum Anfang des mühsamen Weges gehen. Dann gab es kein Erbarmen: 150 m steil bergauf (gefühlt fast senkrecht) und dann auch noch in die 2. Etage des Hauses. Puh! Und das natürlich ebenfalls bei jedem Einkauf (für 5 Personen – und wir waren immer gute Esser!). Mir kam es immer so vor, als wäre das Auspacken/ Hinaufbringen des Gepäcks der (wirklich unnötige) Test für unsere Wander-Kondition… Aber ich habe nie gemurrt, kam ich doch zu meinem Traumziel…

ein authentischer Bergbauer.

[Rainer] Etwas oberhalb des Hauses stoppen wir. Dort empfängt uns ein echter Bergbauer. Authentisch nicht nur durch seinen Dialekt. Ob wir uns verfahren hätten, fragt er. Nein wir wollen zum Haus Solsana, wo wir große Teile unsere Kindheit verbracht haben. Hedi ist ihm ein Begriff, obwohl sie schon lange tot ist. „Ach so ist das!“ meint er vieldeutig. Wir können unser Motorrad bei ihm abstellen und laufen dann das kurze Stück zum Haus hinunter.

[Conni] Habt ihr´s auch bemerkt: Rainer spricht von unserem Motorrad 🙂

[Rainer] Das Haus sieht tatsächlich noch fast so aus wie früher. Neue Fenster hat es bekommen. Leider gehen die neuen Bewohner ein wenig lieblos mit dieser Perle um: Die Rahmen sind nicht einmal weiß lackiert, die charakteristischen Streben fehlen, und jetzt sehen die Fenster aus wie leere Höhlen.

Ich schaue mir das Haus genau an, rufe mir jedes einzelne Zimmer in Erinnerung (ich kannte jedes in diesem Haus, und es klappt!). Alle Sinne sind ganz weit auf, und ich sehe so viele Details direkt vor mir. Wow.

Die kleine Küche mit dem alten Plattenherd, auf dem abends die Nudeln kochten. Das einfache Blechgeschirr zum Kochen. Den Flur mir einer Liege, die beiden Schlafzimmer, Wände und Decken mit Tannenholz verkleidet. Die enge Treppe hinauf in unsere Wohnung. Die beiden Speicherräume, von denen einer den Kühlschrank beherbergte und der andere eigentlich verbotene Zone war. Was ihn umso interessanter machte. Der Blick aus dem Fenster und ins Tal: Genau weiß ich noch, wie viel Schnee dort oft lag, und wie ich als Kind die Schneepflüge und Schneefräsen beobachtet habe, wenn sie morgens den neu Schnee beiseite geräumt haben. Sehr früh und natürlich mit Schweizer Präzision. Wenn wir zum Skifahren nach Arosa aufgebrochen sind, waren die Straßen immer schon frei (und wir waren stets die ersten am Lift, denn der Tag wollte ja genutzt werden!) . Ich höre die Dielen knarren, die Geräusche, die die Fenster beim Öffnen und Schließen gemacht haben. Ich rieche den ganz besonderen Duft des Holzes in diesem ganz besonderen Haus. Ich hab den weißen Küchentisch vor mir, an dem wir oft aßen und spielten.

[Conni] Ich sage nur “Elfer raus”. Und ich erinnere, wie die Betten gemacht waren: Wir schliefen zwischen 2 Tüchern. Ein weißes Unter-Leintuch umhüllte die Matratze. Über dem weißen Ober-Leintuch lag eine Wolldecke. Das obere Ende des Ober-Leintuchs wurde ca. 25 cm über die Wolldecke geklappt und zum Vorschein kam eine rot-weiße, Schweizer Borte. Tuch und Wolldecke wurde an Fuß- und Seitenenden unter die Matratze geklemmt. Prima Erfindung! So wurden meine stets kalten Füße gewärmt.

[Rainer] Echt jetzt? Ich fühlte mich unter diesen eng eingeschlagenen Decken immer beengt und habe versucht, mich freizustampeln. Deshalb also hatte ich kalte Füße 🙂

Es gab eine verglaste Veranda, in der ein paar Spielgeräte standen (unten rechts im Bild). Noch viel interessanter waren aber die Bänke mit Klappsitzen, unter denen sich stets ein solider Vorrat an Mickey-Mouse-Heften fand. Ich glaub, ich hab sie alle gelesen. Dass sie auf Italienisch waren, war dabei völlig nebensächlich. Gute Comics erklären sich durch die Bilder.

[Conni] An der Südseite des Hauses (links im Bild, Hedi’s privater Bereich) befand sich ein Wintergarten mit vielen, vielen (alten) Fenstern. Erst als Hedi mit uns Freundschaft geschlossen hatte, durften wir diese heiligen Hallen betreten. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus: Ein grandioser Blick auf die gegenüber liegenden Berge, an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand Hedi´s Bibliothek, gemütliche Sitzgelegenheiten direkt am Fenster (immer mit Decken für wenn´s mal kalt wird), Tischchen zum Abstellen von Geschirr und Gläsern. Der Sommergeruch von gemähtem Gras, trocknendem Heu und heißer Bergluft liegt mir in der Nase: Der perfekte Platz für´s Lesen dicker Schmöker… Super!

[Rainer] Ja, mir ist geruchlich auch noch so einiges präsent: Es gab dort einen Sandkasten unter dem Dach, der dadurch natürlich staubtrocken war. Und der ein ausgesprochen spezielles Odeur verströmte. Lange Zeit brachte ich diesen Geruch immer nur mit genau diesen Sandkasten in Verbindung. Erst als wir eine eigene Katze hatten, wusste ich wonach der wirklich roch 🙂

Hedi, Conni, Rainer im Freisitz vor der großen Küche

Und dann die Hedi: Immer mit einer typischen Frisur: Lange, dünne Haare, rechts und links zu zwei Zöpfen geflochten und dann nach Art einer Hefeschnecke um die Ohren herum drapiert. Tagsüber sah das schon … einzigartig aus, aber unfrisiert war sie die reinste Kräuterhexe. Kochen und backen konnte sie allerdings, das habe ich oft erfahren. Mein erstens Fondue… natürlich hier! Bircher Muesli, Guetzli & Läckerli… und „Ruuchtee“! (der war allerdings scheußlich).

[Conni] Mir fällt ein, dass wir abends nach unten zur Hedi gehen durften, um in ihrem Wohnzimmer die Nachrichten im Schweizer Fernsehen zu sehen.  Nach den Nachrichten folgte der Meteo (immer wichtig für die Unternehmungsplanung des nächsten Tages). Und dann lief in der Regel eine rätoromanische Sendung, die wir nun überhaupt nicht verstanden. Damit war der tägliche Gang nach unten beendet…

Hedi sprach Schwyzerdütsch mit ihren Feriengästen. Ich konnte sie ganz gut verstehen, da die Schweizer Sprache den gleichen Ursprung hat wie der mittelalemannische Dialekt am Bodensee. Ich mag diese Sprache mit ihren “chs”, liebenswerten Verniedlichungen und anderen Betonungen. Beispiel? In der Schweiz gehe ich nicht auf die Toilette, sondern aufs WC (Betonung immer auf der 1. Silbe)…

Apropos WC: Es befand sich in der Dachschräge unserer Ferienwohnung mit verzogener Holztür vom offenen Flur aus. Es war mini-klein, bot Platz für 1 Person (sitzend) und hatte keine Lüftung. Alles klar? Und Pa stieß sich an der Zarge immer den Kopf, weil sie so niedrig war…

Die Sache mit der Körperpflege hatte Hedi für sich selbst ganz praktisch gelöst. Sie rieb sich im Winter draußen in ihrem Garten mit Schnee ab. Alle Achtung! Für die Anderern hatte sie in einem größeren Durchgangsraum einen Bereich mit einem Vorhang abgetrennt: Hier befanden sich ein Waschbecken und eine Dusche – nicht getrennt nutzbar – für die Feriengäste beider Wohnungen (teilweise 11 Personen). Wenn “das Bad” frei war, durfte es genutzt werden, von wem auch immer. In meinen Backfischjahren war das für mich echt gewöhnungsbedürftig…

[Rainer] Haha, was Mädels so für Probleme hatten! Mir als Knirps war das schnuppe. Ich wollte draußen rumstromern, die Welt entdecken, geheime und am liebsten verbotene Türen öffnen, in den Felsen rumklettern. Körperpflege? Eher nein.

Hallo?!

Während ich meinen Gedanken freien Lauf lasse, geht  Conni ran an den Speck. Sie  fragt sich, ob wohl jemand daheim ist und startet einen dezenten Einbruchsversuch. Zunächst schaut sie durch die Türe, dann durch das Fenster in das große Wohnzimmer, dann verschwindet sie um die Ecke in Richtung Verandas und Garten. Eine Weile höre ich gar nichts von ihr. Na gut, lasse ich mal meinen Blick ins Tal schweifen. Hey, verdammt schön hier.

im Sommer schon ein grandioser Blick aus dem Haus. Aber im Winter erst…

[Conni] Durch die Fenster sehe ich gelebte, sympathische Unordnung – Solsana ist also bewohnt. Hedis altes Klavier steht auch noch an seinem Platz. Das ist ja kaum zu fassen…

ein indiskretes Foto.

Mit “Hallo! Ist jemand zu Hause?” gehe ich langsam um´s Haus herum… Da sitzen die jetzigen Hausbesitzer unter der Veranda. Zunächst schlägt mir Distanz entgegen. Kann ich verstehen, wenn da so jemand ungebeten das Grundstück betritt. Aber im Laufe unseres kleinen Plausches wurden die Bewohner freundlicher und auskunftsfreudiger. Als ich von Hedi erzähle, wie wir sie kennen gelernt haben, dass zu ihr eine enge Freundschaft bestand, dass wir viele Jahre in Solsana Gäste waren usw., erkennen sie, dass ich kein Eindringling, sondern eine Rückkehrerin bin. Und das rührt sie. Betreten will ich das Haus nicht. Ich befürchte, meine Erinnerungen werden Schaden nehmen. Lieber nicht, dafür sind sie mir zu wertvoll… Mit einem “Genießen Sie Ihr Leben auf diesem wunderbaren Fleckchen Erde!” verabschiede ich mich, berührt und zufrieden: Solsana lebt!

Rainer, wo bist du? Auf gehts zur nächsten Etappe Richtung Arosa!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close